Daniel M. Bühlmann, lic.theol.


„Gestalt-werdung im Werk und Denken Hans Urs von Balthasar und Edith Stein, und im Vollzug ihres christlichen Lebens. Ein christliches, positives Experimentum ihres Glaubensvollzugs als Ansatzpunkt für die Neu-Entdeckung der inkarnatorischen Theologie, und als Chance für eine Erneuerung der Kirche“.

Die Aussage ‚, dass `Jesus der Christus’ sei, gehört zur zentralen Kernbotschaft des Bekenntnisses zu Jesus von Nazareth. Es gibt verschiedene Wege, die dieser Aussage gerecht zu werden versuchen. Die früh-kirchliche Tradition, bis in die heutige Zeit hinein, hat den dogmatischen Weg beschritten, um so in das Mysterium Christi einzudringen und verstehen zu wollen. Meines Erachtens ein legitimer Schritt, der hier nicht zur Diskussion steht. Jedoch, wenn wir den Blick auf die Fragen und Probleme des heutigen Menschen, und zusätzlich ausgelöst durch die COVID-Pandemie, zeigt mir 1. der dogmatischer Weg heute, ist nicht mehr der einzige Weg, um sich der Frage der Gottessohnschaft Jesu Christi zu stellen. 2. Ausgelöst durch die COVID-Pandemie wurde auf eklatanter Weise der Glaubensverlust innerhalb kirchlicher Strukturen sichtbar. Der Glaubensverlust als Zeichen mangelndes Gottvertrauen. Gestalt-werdung als etwas Sichtbares, dass durch die Person, welche sich angesprochen fühlt, sich für das göttliche öffnet, ergeht, von einem Besitz ergreift, und durch dieses Ergriffen-sein, geschehen lässt. Auf exemplarischer Weise sehen wir dies im Leben des aus Luzern stammenden Theologen und ehemaligen Jesuiten Hans Urs von Balthasar (1905-1988), der von einem Mosaiksteinchen sprach, dass nicht selbst über seine Bestimmung entscheidet, sondern `für etwas` bestimmt ist. Nicht anders erging es der außergewöhnlichen Gestalt, Edith Stein, die durch den Eintritt in die Ordensgemeinschaft der Karmelitinnen, den Namen Sr. Teresia Benedicta a Cruce, annahm. Ihre existentiellen Krisen und die Auseinandersetzung mit sich selbst, ihrer eigenen Existenz, und mit Hilfe des intellektuelle Zugangs zum Glauben, waren die entscheidenden Momente ihres Ergriffen-seins für den christlichen Glauben, den Glauben an Jesus Christus. Gerade ihre biografische Faktoren sind hoch interessant, um den Zugang zum Glauben zu verstehen, als ein Ergreifen Gottes, welches das Ergriffenwerden voraussetzt. Daraus resultiert, dass ohne Gnade wir nichts glauben bzw. Tun können. Ziel der Arbeit Mit diesen beiden grossen Gestalten soll einerseits ihr Werk verglichen werden und den Gestaltbegriff durch die jeweilige Glaubenserfahrung vertieft, und Gemeinsamkeiten aufgezeigt werden. Andererseits sind die beiden Ansätze für uns heute, und für die aufbrechenden Fragen der gegenwärtigen Glaubens-, welche immer auch eine Kirchenkrise ist, eine wichtige Hilfe und Stütze. Ich betrachte beide als grosse Denker, die im Glauben fest verankert sind, obwohl sie als unzeitgemäß, was sie dadurch wieder sympathisch macht, zeitgemäß sind und bleiben. In der Mitte steht die Kenose des Sohnes. Das Subjekt dieser Selbstentäußerung bleibt, in der präexistenten Gottesgestalt, in der Knechtsgestalt und in der Verherrlichung, das Gleiche. Die Passion des Sohnes beginnt bereits mit der Kenose bei der Inkarnation und führt geradlinig weiter bis zur Verlassenheit am Karfreitag und zum Grab am Karsamstag. Der Sohn hält nicht fest an seiner Gottesgestalt, sondern gibt sich im Gehorsam dem Vater gegenüber und aus Liebe zu den Menschen hin, auch der Vater aufgrund von Unabänderlichkeit seines Ratschlusses gibt den Sohn dahin und der Geist verbindet als gegenseitige Gabe beide. Dieses trinitarische Gottesverständnis wird als Alternative zum monotheistischen Gottdenken vorgeschlagen. Das Wesen Jesu bzw. die Gottessohnschaft wird vom Kenosis-Gedanken hergedacht. Darauf rekurrierend könnte versucht werden das Bekenntnis zu Jesus von Nazareth als dem Christus und Kyrios, als dem Sohn Gottes mit neuem Akzent zu artikulieren, insofern die Stringenz der Kenose begründet und darauf verweist, wer die Person Jesus Christus theologisch in Wirklichkeit ist. Unser fragmentarischer Glaube unserer Zeit, in unseren Pfarreien ist im Gefühl her fundiert, aber es fehlt ein festes Fundament. Wo kein festes Fundament mehr vorhanden ist, gibt es keine starke Theologie mehr und wird mehr und mehr von subjektiven Vorstellung und Meinung ersetzt, und dies führt unverkennbar zum Relativismus. Beide waren grosse Denker, hatten eine geistige Tiefe und ein geistliches Leben. Wenn wir uns ihrem Werk öffnen, sich mit den Fragen und Verirrungen unserer Zeit auseinandersetzt, lernt dabei eine gesunde und befreiende Theologie und wird dabei hellhörig für die subjektive Depravierung. Gerade ihre Kirchlichkeit, ihr Gottvertrauen und ihre Opferbereitschaft sollen Beispiele für uns sein, anstelle der gängigen Haltung der Doppelzüngigkeit und Prinzipienlosigkeit, welche in vielen christlichen Gemeinschaften anzutreffen ist. Meines Erachtens ist die Glaubens- und Kirchenkrise unserer Zeit darauf zurückzuführen, dass 1. der Glaube der Kirche durch die Meinung ersetzt wird, und 2., dass allein eine knieende Theologie dem Glauben der Kirche dienen kann, dass nur eine Funktion in der Kirche hat. Theologie ist in erster Linie Glaubens-wissenschaft, und dies haben viele Laien- und Kirchenfunktionäre vergessen. Für eine wahre Erneuerung der Kirche ist es eine dringliche und lebensnotwendige Aufgabe, das eigentliche Wesen und die Gestalt des Gottmenschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen und plausibel zu artikulieren. Wahrscheinlich wird es uns nicht gelingen, mehr als nur ein paar Dinge zu sagen, aber es genügt schon, eine Möglichkeit aufgespürt, eine Idee in den Raum gestellt zu haben – in der Hoffnung, dass in Zukunft andere diese Idee aufgreifen und weiter entfalten werden. Diese Dissertationsarbeit versteht sich im Blick auf die vielen, anderen zahlreichen Untersuchungen nur als ein Versuch zu verstehen, der sich seiner Begrenztheit und Überholbarkeit bewusst ist. Oder mit den Worten der Sr. Teresia gesprochen: „Es ist gut, daran zu denken, dass wir unser Bürgerrecht im Himmel haben und die Heiligen des Himmels zu Mitbürgern und Hausgenossen. Dann trägt man leichter an den Dingen, quae sunt super terram (die auf der Erde sind)“.